Ein Kommentar zum Karikaturenstreit



Kommentar zum Karikaturenstreit



Hintergrund

In 2005 veröffentlichte eine dänische Tageszeitung Karikaturen, die den Propheten Mohammed lächerlich machten, mit der vorgeblichen Begründung, testen zu wollen, „wie weit die Meinungsfreiheit noch geht“. Medienberichten zufolge, war die eigentliche Absicht des Blattes – das schon in den 20er und 30er Jahren für seine antijüdische Berichterstattung bekannt war – mit dieser gezielten Provokation die Auflage zu steigern. Die Rechnung ging zunächst nicht auf und die einzige Reaktion war in Leserbriefen der Zeitung geäußerte Kritik. Der Protest kam erst Wochen und Monate später ins Rollen. Dazu kontaktierte die von der ausbleibenden Reaktion enttäuschte Redaktion gezielt einflussreiche dänische Muslime und machte sie auf den Abdruck aufmerksam. Diese wiederum zeigten die Karikaturen zusammen mit weit extremeren, die einigen Leserbriefschreibern anonym geschickt wurden, weiter herum und es wurde der Anschein erweckt, dass diese zusätzlichen Karikaturen auch abgedruckt wurden. Die Karikaturen gelangten schließlich bis zu den Botschaftern islamischer Länder. Elf Botschafter baten den dänischen Premierminister um ein Treffen, um die Karikaturen im Speziellen und die islamfeindliche Stimmung in Dänemark im Allgemeinen zu diskutieren. Der Premier Dänemarks – unter dem die dänischen Armeen immerhin zwei islamische Länder besetzen – weigerte sich zu einem solchen Treffen zu kommen. Auch der Chefredakteur der Zeitung lehnte es ab, sich für die Veröffentlichung zu entschuldigen. Mit steigender Aufmerksamkeit druckten immer mehr europäische Zeitungen die Karikaturen ab. Es kam zu zunehmenden Protesten, diese erregten wiederum die Aufmerksamkeit der Presse, so dass das Thema immer weiter hoch kochte. Die europäische Presse und europäische Politiker gaben zum allergrößten Teil den abdruckenden Zeitungen Rückendeckung – teilweise mit kaum verhohlener Häme – und gingen einer moralischen Stellungnahme aus dem Weg, indem sie sich legalistisch auf die Pressefreiheit beriefen. Die Idee, dass etwas, das legal ist, trotzdem unethisch sein könnte, kam nur den Wenigsten in den Sinn. Aufgebrachte muslimische Demonstranten in islamischen Ländern demonstrierten vor Botschaften und verbrannten Flaggen; in Syrien und im Libanon gingen Botschaften in Flammen auf. Mehrfach explodierte die aufgeheizte Stimmung und es kam zu Gewaltakten beider Seiten. Medien in Europa berichteten vor allem über solche Gewaltausbrüche, während in den islamischen Ländern die extremen Reaktionen von europäischer Seite im Vordergrund standen, so beispielsweise die Forderung eines italienischen Parlamentariers nach einem neuen Kreuzzug. Eine ganze Reihe von möglichen Deeskalationsmechanismen hatte versagt und insgesamt kam es zu über 100 Toten in verschiedenen Ländern und auf beiden Seiten.



Die Position des Koran bezüglich der Beleidigung von Propheten

Der Koran verbietet bei der Beleidigung von Propheten jede Art von Vergeltungsmassnahmen. Er macht aber klar, dass ein persönlicher Angriff auf einen Propheten eine der verwerflichsten Handlungen überhaupt ist.
Genau wie viele Propheten vor ihm, wurde auch Mohammed lächerlich gemacht oder als Lügner bezeichnet. Zeitweise wurde dies auch in vorgeblich „künstlerischer“ Form mit beleidigenden Gedichten getan. Der Koran forderte Mohammed dazu auf, sich nicht persönlich verletzt zu fühlen und sich in Geduld zu üben.

„Wir wissen wohl, dass dich betrübt, was sie sagen, aber bedenke, sie meinen nicht dich persönlich, sondern sie wenden sich gegen die Botschaft Gottes. Schon vor dir wurden Gesandte als Lügner bezeichnet. Sie wurden verleugnet und verfolgt und lächerlich gemacht, und sie ertrugen es mit Geduld, bis Wir ihnen zu Hilfe kamen.“ (6:33-34).

Gleichzeitig wird aber in Aussicht gestellt, dass Gott sich der Sache annimmt und Hilfe bringt. Einen Propheten persönlich anzugreifen ist ein anderer Sachverhalt als allein seine Botschaft abzulehnen: Wer an Gott glaubt und ein entsprechendes Leben führt, tut das nur zu seinem eigenen Besten, wer die Botschaft ablehnt, tut das zu seinem persönlichen Schaden, hat aber sein ganzes Leben Zeit, um noch zur Einsicht zu kommen. Die Propheten dagegen sind von Gott auserwählt, stehen Ihm nahe und genießen Seinen besonderen Schutz. Ein Barmherziger Gott mag einen Angriff auf Ihn selbst verzeihen, für diejenigen aber die unter Seinem besonderen Schutz stehen übernimmt Er eine besondere Verantwortung. Würde eine liebende Mutter eher einen Angriff auf sich selbst verzeihen oder auf ihr wehrloses Kind? Während der oben zitierte Vers Hilfe für den Verspotteten verspricht, droht der folgende Vers mit einer harten, schwerwiegenden Strafe für den Verspottenden.

„Selbstverständlich sind schon vor dir (O Prophet!) andere Gesandte verspottet worden. Doch Ich (Allah) gewährte, denen die ungläubig waren, einen Aufschub. Dann zog Ich sie zur Rechenschaft. Und wie Meine Strafe war!“(13:32).

Die Verwendung der Vergangenheitsform „und wie Meine Strafe war macht klar, dass nicht die Abrechnung am Jüngsten Tag gemeint ist, sondern dass in den erwähnten Fällen eine Strafe bereits im Diesseits erfolgte. Allerdings trat sie erst nach der gewährten kurzen Frist ein, das heißt sie ist nur für den zu erwarten, der mit seinem Spott und seiner Häme kontinuierlich weitermacht und sein Verhalten nicht ändert.
Noch ein weiterer Vers fordert dazu auf, Spott geduldig zu ertragen und sich von solchen Menschen zu distanzieren.

Er ist der Herr des Ostens und des Westens, es gibt keinen Gott außer Ihm. Deshalb akzeptiere Ihn als Sachwalter und ertrage geduldig, was andere über dich (- d.h. den Propheten des Islam) reden. Distanziere dich von ihnen auf eine ehrenvolle Art und Weise. Überlass Mir ALLEINE diejenigen, die dich für einen Lügner halten, die in Überfluss und Wohlstand leben. (73:10-12, Betonung hinzugefügt)

Wieder übernimmt Gott ALLEIN die Verantwortung für die Bestrafung. Der Vers ist besonders passend für die aktuelle Situation, weil er von denen handelt, „die in Überfluss und Wohlstand leben“ und betont, dass Gott der Herr des Orients genauso wie der des Westens ist, egal wo er abgelehnt wird.
Das Besondere an den beiden zuletzt zitierten Stellen ist außerdem die Verwendung der Ich-Form in Gottes Rede, was im Koran nur sehr selten vorkommt. Die Verwendung der ersten Person, weist darauf hin, dass es sich um extrem wichtige Dinge handelt, die besonders hervorgehoben werden sollen.
Ein ganzes Korankapitel (Kapitel 54) widmet sich dem Thema Diffamierung und Verspottung von Propheten. Darin wird berichtet, wie Gott selbst einzelne Menschen und sogar ganze Stämme und Völker durch Vernichtung bestraft hat, weil sie Propheten verunglimpft und verhöhnt und lächerlich gemacht haben. Das Kapitel beginnt mit dem Propheten Noah, dessen Schicksal mit der Sintflut und der ihn rettenden Arche weitbekannt ist.

Noah wurde von seinem Volk als Lügner bezeichnet. Entsprechend lehnten sie ihn ab und sagten, er sei verrückt und nicht ganz bei Trost. [....] Daraufhin öffneten Wir die Tore des Himmels und ließen Unmengen (Regen-)Wasser herunter. [...] Wie schrecklich war Meine Bestrafung und wie wahr waren Meine Warnungen! (54:9-16)

Im weiteren Verlauf des Kapitels werden ähnliche Episoden über andere Propheten geschildert. Da ist unter anderem die Rede von Lot, dessen Volk durch einen zerstörerischen Sturm umkam, und vom Volk des Pharao. Am Ende jeder Episode betont der Koran, wie entsetzlich die Strafe Gottes ausgefallen ist und wie richtig sich Gottes Warnungen erwiesen haben. Zu beachten ist, dass die Verse dieses Kapitels ebenfalls zu den wenigen Koranversen gehören, die in der Ich-Form verfasst sind. Das macht deutlich, wie sehr es Gott missfällt, wenn seine Gesandten lächerlich gemacht und verhöhnt werden. Auch im Falle von Jesus, der ebenso verhöhnt und verfolgt wurde, kam es – wie vielfach von ihm prophezeit – zur Entmachtung und zur Tötung seiner Verfolger und zur Zerstörung Jerusalems. In allen im Koran geschilderten Prophetenerzählungen wurden diejenigen, die nur die Botschaft der Propheten ablehnten, nicht im Diesseits bestraft, während diejenigen, die den jeweiligen Propheten verspotteten und lächerlich machten, sogar noch im Diesseits bestraft wurden. Das ist sehr außergewöhnlich, da man bei gewöhnlichen Sünden in diesem Leben im Allgemeinen keine besondere Bestrafung zu fürchten hat.
Bei einer Karikatur eines Propheten kommt noch der Verstoß gegen das Bilderverbot dazu, das der Islam genauso wie das Judentum und Christentum (2. Moses 20:4) kennen. Das Verbot, Bilder von Gott und seinen Propheten anzufertigen findet sich nicht explizit im Koran, aber es folgt aus seinen Grundlehren und aus den mündlichen Überlieferungen. Es soll verhindert werden, dass irgendetwas außer Gott angebetet wird. Mohammed bat explizit darum, ihn nicht abzubilden. Zwar gelten islamische Regeln nur für Muslime aber zumindest bei Mohammed, mit dem ja keiner der ihn ablehnt etwas zu tun hat, wäre der Verzicht auf seine Abbildung sicherlich ein Zeichen von Respekt gegenüber der historischen Person und dem muslimischen Glauben.

Zusammenfassend bedeuten die koranischen Anweisungen für Muslime, dass es verständlich und legitim ist, sich verletzt zu fühlen und „betrübt“ zu sein. Wir sollten das anderen erklären und uns in anständiger Form von den Verursachern distanzieren solange sie mit ihren Beleidigungen weitermachen. Weitere Schritte – Demos, Aufstände, Verbrennen von Flaggen – sind nicht notwendig, denn solche Diffamierungen sind die Angelegenheit Gottes und Er selbst wird sich auf seine Art um die Sache kümmern.
Die moralische Verantwortung liegt dagegen bei der anderen Seite:

Warum untersagen ihnen ihre Geistlichen und ihre Gelehrten nicht ihre blasphemische Rede. (5:63)

Zu einem großen Teil erfüllen die christlichen Kirchen und ihre Geistlichen sowie viele jüdische Organisationen diese Rolle heutzutage auch, wie man dankbar anerkennen muss, und distanzieren sich zum in aller Regel von der Verletzung religiöser Gefühle jeder Art. Nur erkennen große Teile der westlichen Gesellschaften weder Religion noch irgendwelche anderen Autoritäten als moralische Instanz an, so dass solche Appelle weitgehend ungehört verhallen.

Natürlich dürfen auch Muslime auf keinen Fall mit Spott und Schmähungen antworten:

Und schmähet nicht die, welche sie statt Allah anrufen und verehren (6:109)

Im Gegenteil, es ist ein allgemein gültiges Gebot, jedem gegenüber respektvoll zu bleiben:

Sag meinen Dienern, sie sollen anständig und gütig mit ihnen reden, denn Satan stiftet zwischen ihnen und euch Zwietracht. Satan ist dem Menschen ein offenkundiger Feind. (17:53)

Denn mit gutem Willen ist es möglich, dass ein getrübtes Verhältnis sich zum Besseren wendet:

Wehre das Böse (das euch trifft) mit dem ab, was das Beste (anständig, und gütig) ist. Du wirst sehen, dass die Feindschaft, die zwischen euch war, sich in eine warme Freundschaft umwandeln wird. (41: 34)



Gesetzliche Zensur

In praktisch jedem Land gibt es Gesetze, die die öffentliche Beschimpfung von Religionen verbieten (In Deutschland § 166 StGB). Interessanterweise wird die Anwendung eines solchen Gesetzes in der öffentlichen Diskussion als Eingriff in die „Meinungsfreiheit“ gewertet! Viel größere Eingriffe in die „Meinungsfreiheit“ werden dagegen meistens gar nicht wahrgenommen. Es scheint in Ordnung zu sein, mit Diffamierungen von Religionsgemeinschaften Millionen Menschen zu beleidigen und Vorurteile zu verbreiten, während die Beleidigung und Verleumdung einer einzelnen Privatperson unter Strafe steht. Es wird klar, dass es keineswegs um „Meinungsfreiheit“ an sich geht, sondern um die unterschiedliche Bewertung verschiedener Einschränkungen. Die persönliche Ehre steht unter dem Schutz vor Beleidigungen und Falschaussagen, Religionen wird dieser Schutz nicht in dem Maße zugestanden. Noch eine Stufe höher in den westlichen Werten stehen finanzielle Interessen. Es ist schon zu einer Industrie geworden, Inhalte zu verbieten, weil sie den kommerziellen Interessen von Konzernen untergeordnet werden. Es ist verboten, etwas abzubilden, wenn das die kommerziellen Interessen verletzt, nicht aber wenn religiöse oder moralische Gefühle verletzt werden. Systematisch werden Texte durchsucht und Massenabmahnungen verschickt, weil ein geschütztes Wort darin vorkommt. Technologien werden verboten, wenn mit ihnen systemimmanente Zensur umgangen werden kann. Selbst Inhalte zu verlinken kann strafbar sein. Ist irgendwo der Buchstabe „T“ zu auffällig abgebildet oder hat gar noch die falsche Farbe, kann schon eine Rechnung einer Kanzlei im Auftrag der Deutschen Telekom ins Haus flattern. Gesetze zum Schutz vor religiösen Beschimpfungen, zum Schutz der Privatsphären von Prominenten oder zur Kontrolle von unsittlichen Inhalten sind lange nicht so umfassend und ausgefeilt. In der Gesetzgebung kommt Geld vor der Moral.
Würde man auf Mohammed das Urheberrecht anwenden, dann dürfte er nicht abgebildet werden! Museen und Privatleute besitzen die Urheberrechte an Jahrtausende alten historischen Gegenständen und ohne Erlaubnis dürfen weder Fotografien noch stilisierte Darstellungen davon verwendet werden. Man stelle sich einfach mal vor, Mohammed hätte seinen Namen als Markenzeichen eintragen lassen. Es wäre unter Umständen kaum noch möglich, ihn überhaupt zu erwähnen!



Moralische Zensur

Natürlich kann nicht erwünscht sein, alles, was man aus moralischen Gründen nicht tun sollte, gesetzlich zu verbieten. Verbote können nur die extremsten Exzesse verhindern. Zu weitgehende Verbote lassen keine Freiheiten mehr. Nur gesellschaftliche Verhaltensregeln können die Umgangsformen wie Takt, Respekt, Anstand, Rücksichtnahme, Toleranz und Fairness durchsetzen. Solche ethischen Maßstäbe sind unverzichtbar bei der Gesetzgebung, beim Regieren, bei allen anderen menschlichen Interaktionen und natürlich auch im Journalismus. Es ist dem Islam zuzuschreiben, dass durch das religiöse Gebot, solche Umgangsregeln einzuhalten, das Zusammenleben in der islamischen Blütezeit weitgehend friedlich funktioniert hat.
Wenn aber die individuellen Verhaltensregeln, die so ein Zusammenleben ermöglichen, nicht mehr eingehalten werden, kommt es zu Konflikten. Jede Generation in Europa des letzten Jahrhunderts hat ihre Feindbilder gehabt. Zuerst kam der erste Weltkrieg, dann der überkochende Hass auf Juden und der zweite Weltkrieg. Die Generation danach hatte schließlich den Kommunismus als Feindbild und den kalten Krieg, der Gott sei Dank nicht zur Explosion kam. Schon wenige Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde der Islam als Feindbild populär – mit noch ungewissem Ausgang. Wer im Namen der „Meinungsfreiheit“ religiöse Diffamierungen unterstützt, pervertiert gerade diese Meinungsfreiheit. Der Sinn der Pressefreiheit besteht schließlich gerade darin, eine faire, objektive, wahrheitsgetreue Berichterstattung und ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Dazu gehört, dass in einem Mechanismus gegenseitiger Kontrolle Falschinformationen aufgedeckt und Polemik und Propaganda kritisiert werden. Diffamierungen sind keine seriöse Berichterstattung und bedienen nur Ressentiments. Auflage und Profit werden über die Wahrheit gestellt. Wie viele hundert Seiten Artikel, die mit Islam zu tun haben, hat der typische Medienkonsument schon gelesen und wie wenig weiß er über den Koran? Wie kommt es, dass trotz der so „freien“ Presse, die Mehrheit der US-Amerikaner noch lange nachdem das Gegenteil bewiesen wurde, meinte, im Irak gab es Massenvernichtungswaffen und der Irak wäre mitverantwortlich für den Anschlag in den USA? Wie kommt es, dass nachdem die Lügen der Medien aufgedeckt wurden schon wieder mit unbewiesenen Behauptungen eine Kriegsstimmung gegen ein Land geschaffen wird? Das trifft die europäischen Medien genauso wie die amerikanischen.

Das Problem der Presse ist sicherlich nicht die unzureichende Diffamierung des Islam.